Yin und Yang – ein lebendiges Ordnungsprinzip des Lebens

Wer den Begriffen Yin und Yang zum ersten Mal begegnet, hält sie nicht selten für exotische philosophische Ideen oder für einfache Gegensätze wie „hell und dunkel“ oder „aktiv und passiv“. Eine solche Sichtweise greift jedoch viel zu kurz. In der klassischen chinesischen Denkweise beschreiben Yin und Yang keine Dinge, keine Substanzen und auch keine moralischen Kategorien, sondern ein universelles Muster von Beziehung, Wandel und Bewegung, das sich überall im Leben beobachten lässt.
Schon einfache Naturerfahrungen vermitteln eine intuitive Ahnung dieses Prinzips. Der Wechsel von Tag und Nacht, von Aktivität und Ruhe, von Einatmen und Ausatmen oder von Spannung und Entspannung offenbart eine fortwährende rhythmische Dynamik. Nichts existiert isoliert, alles steht in Beziehung, und jede Erscheinung trägt bereits den Keim ihrer Wandlung in sich. Genau diese lebendige Gegenseitigkeit wird durch Yin und Yang beschrieben.
In den klassischen Texten wird Yin daher nicht einfach als „das Passive“ verstanden, ebenso wenig Yang bloß als „das Aktive“. Vielmehr handelt es sich um zwei komplementäre Aspekte eines einzigen Ganzen. Yang steht für Bewegung, Entfaltung, Wärme, Aktivierung und Ausdruck, während Yin Sammlung, Substanz, Kühlung, Struktur und Bewahrung verkörpert. Entscheidend ist jedoch, dass beide niemals unabhängig voneinander existieren. Bewegung benötigt eine Grundlage, Aktivität braucht Regeneration, Expansion setzt Speicherung voraus. Yin und Yang sind daher weniger Gegensätze als vielmehr Partner eines unaufhörlichen Transformationsprozesses.
Ein berühmter Satz aus dem Yijing bringt diese Perspektive auf den Punkt:
„Einmal Yin, einmal Yang – das ist der Dao.“
Hier wird deutlich, dass Wirklichkeit nicht als statischer Zustand gedacht wird, sondern als fortlaufender Wechsel und als geordnete Zirkulation von Zuständen.
Im dritten Kapitel von Classical Chinese Medicine entfaltet Liu Lihong genau diesen prozesshaften Charakter von Yin und Yang mit besonderer Klarheit. Er warnt implizit vor einer vereinfachenden Betrachtung, die Yin und Yang als starre Kategorien versteht, und lenkt den Blick stattdessen auf ihr Wirken, also auf die Art und Weise, wie sich Lebendigkeit organisiert.
Bereits die einleitenden Zeilen des Kapitels enthalten eine bemerkenswerte Verdichtung dieses Gedankens:
„As for yin and yang, if we count ten variations, we can deduce a hundred. If we count a thousand, we can deduce myriad. … In truth, there is only one essential factor.“
Damit wird ein Paradox angesprochen, das jedem Praktiker vertraut ist: Die Phänomene des Lebens sind nahezu unbegrenzt differenzierbar, und dennoch liegt ihnen ein einheitliches Ordnungsprinzip zugrunde. Die Vielfalt darf den Blick auf das Fundament nicht verdecken.
Liu führt den Ursprung von Yin und Yang konsequent auf das Konzept des Taiji, des „Supreme Ultimate“, zurück. Yin und Yang entstehen nicht als getrennte Kräfte, sondern als Differenzierungen eines ursprünglichen Einheitszustandes:
„Change contains the Supreme Ultimate (taiji), which is what produces the two polarities.“
Diese Sichtweise verändert das Verständnis grundlegend. Yin und Yang sind keine konkurrierenden Substanzen, sondern Ausdruck einer inneren Bewegungslogik. Dualität erscheint hier als Funktion von Wandel.
Die Differenzierung in drei Yin und drei Yang
Eine besonders originelle und für die Medizin spezifische Ausarbeitung dieses Prinzips ist die Gliederung in drei Yin und drei Yang, die Liu als genuin medizinische Struktur hervorhebt. Während Yin und Yang als universales Prinzip in vielen Bereichen der chinesischen Kultur vorkommen, besitzen ebenso die sechs Schichten und fünf Elemente diese klinisch verwertbaren Eigenschaften.
Hier zeigt sich eine charakteristische Eigenschaft der chinesischen Medizin: Sie transformiert kosmologische Prinzipien in funktionelle Modelle des Organismus. Yin und Yang werden dadurch klinisch lesbar.

Die Tür als Schlüsselmetapher des Lebens
Eine der eindrücklichsten Passagen des Kapitels ist Liu Lihongs Interpretation der berühmten Aussage aus dem Huangdi Neijing, wonach innerhalb der drei Yang „Taiyang öffnet, Yangming schließt und Shaoyang die Scharnierfunktion übernimmt“. Liu übersetzt diese abstrakte Formulierung in ein unmittelbar verständliches Bild – das Bild einer Tür.
„One opens, one closes, and one acts as a pivot. … Clearly, we are discussing a door.“
Wenn das Shang Han Lun die sechs Konformationen oder Schichten in Bezug auf drei Yin und drei Yang beschreibt, spricht das Buch in Wirklichkeit von den zwei Türen, die wir oben besprochen haben.
Die Eleganz dieser Metapher liegt in ihrer Alltäglichkeit. Eine Tür erfüllt nur dann ihren Zweck, wenn Öffnen und Schließen möglich sind und ein Scharnier die Übergänge reguliert. Fehlt eine dieser Funktionen, verliert das gesamte System seine Integrität. Genau so verhält es sich mit Yin und Yang im Organismus.
Öffnung steht für Entfaltung, Zirkulation, Ausdruck und Aktivität. Schließung ermöglicht Sammlung, Regeneration und Substanzerhalt. Die Pivot- oder Scharnierfunktion vermittelt zwischen beiden Zuständen und verhindert extreme oder blockierte Dynamiken. Leben erscheint hier nicht als Zustand, sondern als koordiniertes Wechselspiel von Öffnen und Schließen.
Bei der Trennung und Vereinigung der drei Yang-Elemente öffnet sich Taiyang, Yangming schließt sich und Shaoyang fungiert als Drehpunkt. Bei der Trennung und Vereinigung der drei Yin-Elemente öffnet sich Taiyin, Jueyin schließt sich und Shaoyin fungiert als Drehpunkt.
Physiologie als Rhythmus von Entfaltung und Rückzug
Liu beschreibt diese Mechanismen nicht bloß theoretisch, sondern veranschaulicht sie mit existenziellen Analogien. Eine dauerhaft geöffnete Tür – oder übertragen: ein ständig aktiviertes System – führt unweigerlich zur Erschöpfung:
„If Taiyang remains open too long … it is like a person who works and works but never sleeps.“
In diesem Bild liegt eine tiefe klinische Wahrheit. Übermäßige Aktivierung, Dauerstress und chronische Verausgabung schwächen nicht primär die Funktion, sondern zunächst die Substanz, also die Grundlage jeder Funktion. Yang verliert seine Wurzel, bevor seine Manifestationen kollabieren.
Krankheit als Störung von Koordination, nicht nur von Quantität
Ein besonders moderner Aspekt von Liu Lihongs Darstellung besteht darin, dass Pathologie nicht ausschließlich als Übermaß oder Mangel verstanden wird. Häufiger liegt das Problem in der Fehlkoordination der Funktionsmechanismen. Eine Blockade des Öffnens erzeugt andere Symptome als eine Blockade des Schließens; eine gestörte Pivot-Funktion wiederum führt zu Instabilität, Wechselhaftigkeit und dysregulierten Zuständen.
Taiyin steuert die Öffnung des Yin-Tors (des Tors der Sammlung und Speicherung), durch das das Yang-Qi in den Speicher gelangt. Wenn der Öffnungsmechanismus von Taiyin gestört ist, beeinflusst dies den Einstrom des Yang-Qi nach innen. Diese Verinnerlichung des Yang-Qi hat zwei Funktionen: Sie ermöglicht es dem Yang-Qi selbst, sich zu erholen und zu regenerieren, und zusätzlich wärmt und nährt das verinnerlichte Yang-Qi die inneren Organe. Wenn also die Verinnerlichung des Yang-Qi behindert ist, hat die daraus resultierende Disharmonie zwei Aspekte: Erstens kann sich das Yang-Qi nicht regenerieren; zweitens werden die inneren Organe nicht ausreichend gewärmt und genährt.
Taiyin Öffnungs-Mechanismus-Störung
Wenn die Organe nicht ausreichend mit Wärme und Nahrung versorgt werden, kann eine Taiyin-Krankheit entstehen. Daher lassen sich die Hauptsymptome der Taiyin-Krankheit in der ersten Zeile der Taiyin-Übersicht wie folgt zusammenfassen:
Bei einer Taiyin-Erkrankung treten Völlegefühl und Erbrechen im Bauch auf, Unfähigkeit zu essen, starker spontaner Durchfall, intermittierende spontane Bauchschmerzen und ein nach unten gerichtetem Stuhlgang, der zu einem harten Knoten unterhalb der Brust führt. (Shang Han Lun Kap. 273)
Gesundheit erscheint aus dieser Perspektive als kohärente Rhythmik. Krankheit hingegen manifestiert sich oft als Verlust von Übergängen, als Festhalten in Zuständen oder als chaotische Dynamik.
Shaoyang-Drehpunkt-Störung
Shaoyang nimmt innerhalb der Sechs-Schichten-Systematik eine besondere Stellung ein. Es repräsentiert weder reines Öffnen (Taiyang) noch reines Schließen (Yangming), sondern den Drehpunkt- bzw. Scharniermechanismus (枢, Shu), der beide Bewegungen koordiniert. Physiologisch ermöglicht Shaoyang die dynamische Regulation zwischen Innen und Außen, Aufsteigen und Absinken.
Die vergleichsweise wenigen expliziten Textstellen zu Shaoyang im Shang Han Lun dürfen daher nicht als geringe Bedeutung missverstanden werden. Im Gegenteil: Viele pathologische Veränderungen des Drehpunkts erscheinen indirekt in den Abschnitten zu Taiyang und Yangming. Der Drehpunkt ist funktionell immer beteiligt, sobald Öffnen oder Schließen aus dem Gleichgewicht geraten.
Im klassischen Denken beruht die Ordnung des Organismus auf den Bewegungen:
- Steigen (升) und Fallen (降)
- Austreten (出) und Eintreten (入)
Diese Bewegungen sind wiederum Ausdruck der korrekten Öffnungs- und Schließdynamik. Gerät das Scharnier ins Stocken, verlieren Öffnen und Schließen ihre Harmonie, wodurch sich Krankheit manifestiert. Aus dieser Perspektive ist es theoretisch stimmig, Erkrankungen als Öffnungs- oder Schließstörungen zu betrachten.
Das Shang Han Lun beschreibt Shaoyang nicht primär als Substanz- oder Organproblem, sondern als Funktionsstörung der Regulation. Die berühmte Passage lautet:
少陽之為病,口苦,咽乾,目眩也。
(Shaoyang-Erkrankung: bitterer Geschmack im Mund, trockener Hals, Schwindel.)
Diese Zeichen spiegeln keine einfache Fülle oder Leere wider, sondern eine gestörte Vermittlung zwischen Innen und Außen. Charakteristisch ist die Halb-Innen-Halb-Außen-Dynamik, oft begleitet von Wechselmustern:
往來寒熱 – Wechsel von Kälte und Hitze
Gerade diese Alternation ist ein typischer Ausdruck einer blockierten Drehpunktfunktion.
Warum die Drehpunkt-Regulation so zentral istÖffnen und Schließen sind keine isolierten Prozesse. Beide hängen von der freien Beweglichkeit des Drehpunkts ab. Wird der Drehpunkt reguliert, können sich Öffnungs- und Schließmechanismen oft spontan normalisieren. Damit ordnen sich wiederum Steigen/Fallen sowie Eintritt/Austritt.
Diese Sicht erklärt, weshalb Rezepturen mit Wirkung auf Shaoyang in der Klinik ein ungewöhnlich breites Anwendungsspektrum besitzen. Klassisches Beispiel:
小柴胡湯 (Xiao Chaihu Tang)
Obwohl als Shaoyang-Formel bekannt, erscheint sie im Text mehrfach auch in Taiyang- und Yangming-Kontexten. Dies verdeutlicht, dass viele scheinbare Schichtenerkrankungen tatsächlich Drehpunkt-Störungen enthalten.
Therapeutisch bedeutet dies:
- Nicht jede Taiyang-Symptomatik verlangt Taiyang-Therapie
- Nicht jede Yangming-Fülle verlangt direkte Fülle-Klärung
- Häufig liegt die Wurzel im gestörten Shu-Mechanismus (枢) (den Drehpunkt / das Scharnier)
Die bemerkenswerte klinische Breite modifizierter Chaihu-Formeln erklärt sich weniger durch spezifische Symptombehandlung als durch deren Einfluss auf die Regulationsarchitektur des Organismus.
Substanz und Funktion – ein untrennbares KontinuumEin weiterer zentraler Gedanke des Kapitels betrifft die Beziehung von Substanz (Ti) und Funktion (Yong). Yang kann nur wirken, wenn seine materielle und energetische Grundlage erhalten bleibt:
„When the ‘substance’ of yang qi is harmed … there is nothing for the functional aspect of yang to utilize.“
Damit wird eine therapeutisch hochrelevante Einsicht formuliert. Nicht jede scheinbare Schwäche verlangt nach Stimulation, und nicht jede Dysfunktion nach Bewegung. Oft besteht die entscheidende Intervention darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich Substanz reorganisieren kann. Im Shang Han Lun und Jingui Yaolue gibt es zahlreiche Rezepturen, die genau das tun: Funktionsstörungen zu beheben, sodass der Körper sich selbst wieder regulieren kann.
Eine zeitlose, überraschend moderne SichtweiseObwohl Liu Lihong strikt aus den klassischen Quellen argumentiert, entsteht eine bemerkenswert zeitgenössische Lesart. Yin und Yang erscheinen nicht als mystische Symbole, sondern als Beschreibung biologischer, psychischer und existenzieller Regulationsprozesse. Sie beschreiben Rhythmen, Schwellen, Übergänge, Oszillationen und Zyklen – Begriffe, die auch in modernen Systemtheorien eine zentrale Rolle spielen.
Das Kapitel führt damit zurück zu einem Kernverständnis chinesischer Medizin: Der Organismus ist kein statisches Objekt, sondern ein sich fortwährend reorganisierendes Geschehen.
